Wollust statt Wein
Walter Hag kann nur noch lachen: Jetzt können sich andere mit den
Berliner Wasserbetrieben herumärgern.

Behördenirrsinn in Berlin – Wasserbetriebe löschen Unternehmergeist

Wollust statt Wein

Text: Martina Conradt

Er ist ein Einzelschicksal, die Behörden kennen sein Dilemma und trotzdem gibt's kein Entrinnen: Die Kosten für Wasser sind so hoch, dass eine traditionelle Weinhandlung schließen muss. Gekauft hat das riesige Areal ein Puffbesitzer.

Walter Hag steht in einer riesigen Halle. Fast 1.700 m² gähnende Leere. Es ist der hintere Teil des Gebäudes, das ihm gehört. Vorne ist seine Weinhandlung – noch. Eigentlich sollten diese Räume vermietet sein, aber seit zwei Jahren ist hier Stillstand. „Schuld sind die hohen Nebenkosten“, sagt der 60-jährige Wahlberliner. „Wer zahlt schon 3,50 Euro Nebenkosten bei gerade mal vier Euro Gewerbemiete! Ich muss das ja bezahlen. Ist ja mein Laden.“ Diese Nebenkosten sind es aber, die den Weinhändler nach 30 Jahren Selbstständigkeit in den Zwangs-Ruhestand treiben. „Als ich hier anfing, hatte ich so zwischen 500 und 800 DM Wasserkosten im Jahr. Inzwischen sind es 14.000 Euro! Jetzt habe ich einfach keine Kraft mehr!“ Weil aber das Schicksal ein Einsehen hatte, kaufte einer seiner besten Kunden die rund 4.000 m² Grundstück plus Gebäude der Weinhandlung Hag am Halensee, direkt hinter ATU an der Autobahneinfahrt. Haki Simsek ist Weinliebhaber, Geschäftsmann – und Bordellbesitzer. Ihm gehört Berlins größter „Wellness-Puff“, das Artemis, direkt gegenüber. Und als guter Geschäftsmann witterte er gleich ein gutes Geschäft mit dem Gewerbegrundstück: die Lage ist bombastisch und keine Mieter in Hör- oder Sichtweite. Also bestens geeignet für die Wonnen der käuflichen Liebe. Während Hag nun also in Rente geht, wird der Frankfurter expandieren. Bei einer zufälligen Plauderei beim Weinkauf kamen die beiden ins Geschäft. Walter Hag: „Es klingt vielleicht komisch, aber die Berliner Wasserbetriebe haben mir die Luft und die Lust genommen!“ Jetzt ist Simsek an gleicher Stelle für die Lust zuständig – und Weinhändler Hag hat wieder Luft – zum Leben. Moralische Bedenken hat der Weinhändler nicht. „Es sind seriöse Geschäftsleute und es passiert nichts Illegales. Für so ein Etablissement ist die Lage ideal. Keine Nachbarn, keine Laufkunden, keine spielenden Kinder.“

Aber der Reihe nach: Walter Hag ist der Sprössling einer Weinfamilie aus Bernkastel an der Mosel. 1976 entflieht er dem familiären Druck der Selbstständigkeit und Tradition, kommt nach Berlin und eröffnet ein kleines Weingeschäft – gelernt ist gelernt – am Kaiserdamm in Charlottenburg. Schnell wächst das Geschäft und wird zu klein. 1980 zieht er erst mit dem Lager, später mit dem ganzen Geschäft nach Halensee. Die Halle ist riesig – fast 2.500 m² und gebaut für eine Ewigkeit. Früher lagerten hier Tonnen an Lebensmitteln – das Fundament ist „unkaputtbar“ und wird auch in Zukunft stehen bleiben. Der Weinhandel wächst – Qualität setzt sich auch an dieser eher unzugänglichen Stelle durch. Hag handelt mit Weinen aus aller Welt, gute Qualität hat er im Angebot, keine Industrieweine, aber auch keine Premiumerzeugnisse zu überteuerten Preisen. Hag kann leben und mit ihm seine Frau und die drei Kinder. Natürlich bleiben die Mühen der Selbstständigkeit – kaum Ferien, finanzielle Engpässe, Ein-Mann-Betrieb mit sechs Arbeitstagen à zwölf Stunden die Woche. Walter Hag: „Das alles gehört ja irgendwie dazu. Aber dann kam der Irrsinn mit den Behörden – und es wurde immer schlimmer. Ich bin verpflichtet zur Zwangsmitgliedschaft in der IHK – ohne dass es mir etwas bringt. Jedes Jahr verlangt das Statistische Bundesamt einen ausgefüllten Erfassungsbogen für eine sinnlose Statistik – das kostet eine Woche Arbeit. Ich kann nur noch geschlechtsneutrale Anzeigen aufgeben, wenn ich eine Stelle besetzen will – aber was soll ich mit einer Frau, wenn es darum geht, tonnenschwere Paletten zu bewegen? Da hätte ich als Mann einfach ein schlechtes Gefühl.“ Aber den berühmten Vogel schießen die Berliner Wasserbetriebe ab. „Seit 2002 muss Niederschlagswasser bezahlt werden – das ist bei einem so großen Grundstück schon viel. Damals musste ich von jetzt auf gleich 3.500 Euro bezahlen. 2007 kam dann die nächste Posse: Es wurde ein Grundpreis für Wasser beschlossen – und der wiederum errechnet sich aus dem Durchmesser des Anschlusses.“ Nun ist Hag aber per Gesetz verpflichtet, drei große Hydranten auf dem Grundstück zu haben – falls es doch mal brennt. Denn das Grundstück ist von der Straße schwer zugänglich. Und nach diesem Durchmesser berechnet sich der Preis – ohne dass ein Liter Wasser geflossen ist. Der bekennende Bordeaux- Trinker: „Ich brauche ca. 100 Kubikmeter im Jahr – fürs Putzen und fürs Klo. Das ist weniger, als eine kleine Familie verbraucht. Im Grunde käme ich billiger weg, wenn ich mit Wein spülen würde.“ Alle Einsprüche nutzten nichts. „Ich wurde von allen Seiten bedauert und als ‚Einzelschicksal‘ und ‚Härtefall‘ bezeichnet. Das war's dann aber auch. Ein Rückbau der Hydranten ging auch nicht – weder technisch noch aus Sicherheitsgründen.“ Das war's also ... Aus. Nach 30 Jahren. Mit der Unterschrift auf dem Kaufvertrag begann Walter Hag mit dem Ausverkauf – fast 40.000 Flaschen gingen für teilweise nur einen Euro kistenweise an seine Kunden. Er hat trotzdem sehr gute Laune. „Zuerst war ich ja ziemlich traurig. Aber inzwischen sehe ich meine Zukunft rosig: Ich habe noch Zeit, um mit meiner Frau zu verreisen. Meine Kinder sind in anderen Berufen – zum Glück wollte keiner den Weinhandel übernehmen. Und dank des Verkaufes kann ich jetzt völlig entspannt leben – allein von meiner Rente leben zu müssen, hätte mich zum Sozialfall gemacht.“ Zum Schluss also eine schöne Koinzidenz zwischen den beiden ältesten Leidenschaften der Männer: Wein und Wollust!