Notfalls per Sichtflug

Der Eyjafjalla-Vulkan auf Island sorgt auch die ILA-Veranstalter

Notfalls per Sichtflug

Text: Christoph Lemmer

Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA wächst auch während der Krise. Die vermietete Ausstellungsfläche ist dieses Jahr noch einmal größer als letztes Jahr. Die Begeisterung für die Technik ist ungebrochen. Nur der Eyjafjalla-Vulkan auf Island trübt die gute Stimmung, und das gleich in mehrfacher Hinsicht.

Wie unterschiedlich die Wahrnehmungen manchmal sind. Die ILA zieht jedes Jahr eine sechsstellige Zahl begeisterter Zuschauer an, die die spektakulären Manöver der Kunstflieger bestaunen, mit offenen Mündern die ausgestellten Jets bewundern und sich von der Technik faszinieren lassen. In linken Kreisen gilt Fliegerei dagegen als Klimakiller. Bürgerinitiativen protestieren gegen neue Landebahnen oder, wie seit Jahren südlich von Berlin, gegen den Ausbau des Flughafens Schönefelds. Wer links und pazifistisch ist, stört sich zudem an den Vorführungen von militärischen Kampfjets, die jedes Jahr für die sehenswertesten Kunstflugmanöver gut sind. Für den Berliner Senat und die brandenburgische Landesregierung bedeutet die ILA einen weltanschaulichen Spagat, den beide aber inzwischen souverän beherrschen.

Das liegt nicht zuletzt an den harten Zahlen. Die ILA wächst seit ihrem Bestehen immer weiter, auch in Krisenjahren. Die Zahl der Aussteller lag beim letzten Mal vor zwei Jahren bei 1.127 (2006: 1.014), die der Fachbesucher bei 120.000 (2006: 115.000). Die Aussteller präsentierten Flugzeuge, Zubehör und Logistik auf 55.000 Quadratmetern Hallenfläche (2006: 50.000 Quadratmeter). Nur die Zahl der ausgestellten Flugzeuge (330) war etwas niedriger als 2006 (340), und die Zahl derjenigen, die einfach nur als Schaulustige über das Gelände schlenderten und sich von den Flugshows begeistern ließen (121.000 nach 136.000), war geringer.

Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) errechnet aus den Erträgen der ILA einen Kaufkraftschub von 100 Millionen Euro für die Region. Für die Unternehmen der Luftfahrtindustrie rechnet sich die ILA ebenfalls. Die Aussteller vermelden jedes Jahr gute Aufträge und Geschäftskontakte. In der Branche spielt die ILA in einer Liga mit den Messen in Farnborough, Le Bourget oder Oshkosh. Sie wird von praktisch allen Herstellern von Rang als Plattform genutzt und deckt von der kommerziellen Passagierluftfahrt, der militärischen Fliegerei und den neuesten Entwicklungen bei Kleinflugzeugen bis zur Flugzeugelektronik und Navigationstechnik alle Segmente ab.

Dieses Jahr findet die ILA zum letzten Mal am alten Standort Diepensee am südöstlichen Ende des Flughafens Schönefeld statt. Mit dem Ausbau zum Großflughafen BBI steht das bisherige ILA-Gelände nicht mehr zu Verfügung. Als Alternative bringen Messe Berlin und die Länder Berlin und Brandenburg einen neuen Platz bei Selchow ins Spiel, am südwestlichen Zipfel des künftigen Hauptstadtflughafens. Anders als in Diepensee soll hier eine feste Infrastruktur mit dauerhaften Gebäuden entstehen. Dafür stehen 27 Millionen Euro bereit, bestätigt der Sprecher von Messe Berlin, Michael Hofer. Je fünf Millionen geben die Länder Berlin und Brandenburg, der Rest wird über einen Kredit finanziert.

Noch gravierender für die Zukunft der ILA ist freilich nicht die Frage, ob sie von einer Ecke Schönefelds in eine andere zieht, sondern ob sie überhaupt in der Hauptstadtregion bleibt. Mehrere Städte hatten sich als Alternative empfohlen und darauf verwiesen, dass Berlin und Brandenburg bisher nur ein Provisorium vorzeigen können. Ob die Veranstalter auf Rechts- und Planungssicherheit vertrauen könnten, sei am Standort Schönefeld ungeklärt. Zumindest bei den Berlinern sei die ILA aus grundsätzlichen Gründen nicht erwünscht, heißt es verschiedentlich. Bis zur Fertigstellung eines neuen ILA-Platzes in Selchow sei es „noch ein langer Weg“.

Gleichwohl waren bis zum Frühjahr fast alle Mitbewerber Schönefelds ausgeschieden, zuletzt Köln-Bonn. Einzig Leipzig war zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch im Rennen. Mit staatlichen Geldern für einen ILA-Neubau kann der sächsische Konkurrent nicht aufwarten. „Das brauchen wir auch nicht“, sagte Leipzigs Flughafen-Sprecher Felix Zimmermann dem Wirtschaftswunder. „Bei uns gibt es schon jetzt nahezu alles, was für die ILA gebraucht wird“. Leipzig sei in der Lage, „eine wirtschaftliche ILA mit kurzen Wegen“ auszurichten.

Dass sich die Entscheidung über den künftigen Standort der ILA länger hinzieht als erwartet, hat ausnahmsweise nicht die Politik zu verantworten, sondern die Natur. Der Verband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), der die Messe veranstaltet, musste das entscheidende Treffen absagen, weil mehrere Teilnehmer wegen des vulkanbedingten Flugverbotes nicht anreisen konnten. Auch die ILA selbst ist dieses Jahr vor den Launen des Eyjafjalla-Vulkans auf Island nicht gefeit. Er ist immer noch aktiv und spuckt immer wieder neue Asche in den Himmel. Ins Wasser fallen wird die Messe darum freilich nicht. Die meisten Piloten werden ihre Flugzeuge im Sichtflug unter der Aschewolke nach Schönefeld manövrieren, wenn es anders nicht geht.