Sascha Suden auf Reisen durch Brandenburg ...
Brandenburg ist eine Reise wert
Was weiß man als Berliner eigentlich von Brandenburg? Nicht viel. Klar war nur, dass Brandenburg nicht nur aus Spreewaldgurken und Schloss Sanssoucci besteht. Der erste Teil der Brandenburg-Tour führte deshalb erst einmal entlang der polnischen Grenze.
„Morgen fahre ich nach Brandenburg“. Die Reaktionen auf meine Ankündigung waren überall die gleichen. „Ach, du Ärmster“, „Was willst Du denn da?“ und „Bring mir was aus Polen mit“ schallte es mir von Freunden und Kollegen entgegen. Ich entferne mich doch maximal 100 km von Berlin, da muss man doch nicht bedauert werden. 20 Jahre nach dem Mauerfall muss doch die Teilung überwunden sein. Mir fällt kein anderes Bundesland ein, das solche Reaktionen hervorgerufen hätte. Hessen, Saarland oder Sachsen? Sicher nicht, aber Brandenburg ist für viele noch ein weißer Fleck. Vielleicht kann ich etwas Farbe hineinbringen.
Ein polnischer Porsche und Diebstähle
Morgens um 8.00 Uhr geht es los. Gemeinsam mit meiner Kollegin und Fotografin Kathi und jeder Menge Vorurteilen. Die A 12 durch bis Frankfurt/Oder. Gegen 9.15 Uhr verlassen wir die Autobahn und landen auf einer Buckelpiste. Links überholt uns ein Porsche mit polnischem Kennzeichen, vor mir erscheint die Silhouette von Frankfurt. Die Sonne strahlt, denn es ist der heißeste Tag des Jahres. Fitness für 9,90 Euro im Monat inklusive Sauna verkündet ein großes Werbeschild. Ja, hier ist es billig, genau wie erwartet. Unser erster Weg führt zur Handwerkskammer. Barbara Schulz von der Presseabteilung begrüßt uns freundlich. Sie erzählt von 4.000 Studenten, die das Leben bereichern. „Die Uni ist unglaublich wichtig für die Stadt“, erzählt sie. „Viele pendeln nach Berlin, denn eine Zugfahrt dauert nur 50 Minuten.“ Wenn der Zug fährt, denn sie berichtet, dass ihre Tochter, die in Berlin lebt und in Frankfurt studiert, nicht kommen konnte, da mal wieder Kupferdrähte der Oberleitungen geklaut worden sind. Ein wenig stolz erzählt sie, dass es im Frühjahr eine Steigerung der Unternehmensgründungen gegeben hat: Kürzlich wurde der 12.000. Handwerksbetrieb in ihrem Einzugsbereich Ostbrandenburg gegründet. 12.000 Menschen, die den Mut haben, sich eine Existenz aufzubauen, und an eine Zukunft glauben, denke ich. Von wegen mutloser Osten. Und die Krise? „Ich glaube, beim Handwerk ist es anders, die werden eher mit der Krise fertig“. Fotografieren lassen möchte sie sich nicht, so gehen wir statt mit einem Foto mit der aktuellen Handwerkszeitung.
Zwischen Jachten und Tätowierern
Nächster Halt: Wiesenau. Ein kleiner, flacher Bau fällt uns auf. „Rollläden“ schreit es uns in Blau entgegen. Begrüßt werden wir von Lisa Gregor. Sie ist Sales Assistant bei Hotspotblinds. Sie hat dort gelernt, wurde übernommen und will auch nicht weg. „Es ist traurig, dass so viele gehen wollen“, bedauert sie. Die 22-Jährige versteht es nicht. Sie ist glücklich mit ihrem Leben, mit ihrer Arbeit. Auch Frankfurt findet sie schön. Die Stadt sollte sie als Marketingexpertin einstellen. Sie schwärmt von der Region und ihrer Heimat, sodass ich am Ende denke, warum reden so viele die Region schlecht?
Denn Hotspotblinds ist ein gutes Beispiel, dass man auch in der Region wachsen und erfolgreich sein kann. Und das mit Jalousien und Rollläden. Die Firma existierte schon zu DDR-Zeiten und war immer in Familienhand. „Es war zwar schwierig, an Rohstoffe zu kommen, aber es ging“. Die ganze Familie lebt heute noch in den Nachbardörfern. Gerade wurde die Belegschaft von 20 auf 40 Mitarbeiter aufgestockt. „Wir bilden Handwerker aus, um sie zu behalten, denn das sind Exoten“, so die engagierte Sales Assistant. Nur bewerben sich nicht genug Auszubildende. „Für Firmen ist es inzwischen schwierig, noch junge Leute zu finden“, stellt sie bedauernd fest. Und das Erfolgsgeheimnis? „Wir haben ein neues Konzept mit „nature deco“ gefunden.“ Die Produkte, z. B. exklusive Jalousien für Jachten, werden in die ganze Welt exportiert. Produziert in Brandenburg. Man muss nur Ideen haben.
Weiter nach Eisenhüttenstadt. Eine Region, die kaum noch Industrie hat, braucht Menschen mit Ideen oder Mut. Am besten beides. In Eisenhüttenstadt treffen wir Mirko Kilian. Einen Tätowierer, der neben dem Handwerk auch die Kunst der freien Rede perfekt beherrscht. Ein Philosoph, wo ich ihn am wenigsten erwartet hätte. 1995 hat er sich mit seinem Studio selbstständig gemacht und es keine Sekunde bereut. Während er einer Kundin eine Blume sticht, redet und redet er. „Viele haben die Bedeutung des Wortes ‚Selbstständig‘ nicht verstanden. Selbstständig heißt, selbst und ständig arbeiten.“ Deshalb hat er auch eine 60-Stunden-Woche. Das macht ihm aber nichts. Jammern ist nicht sein Ding. „Zu 90 Prozent sind es die eigenen Fehler, die einen zum Meckern bringen.“ Wird denn die Region kaputtgeredet? „Vieles wird schlimmer erzählt, als es ist“, ist er sich sicher. Nur, dass die „Schlechtmacherei die Investoren abschreckt“. In seinen Augen ist auch die Kaufkraft nicht gesunken. „Die Einkaufscenter sind doch voll“, bestätigt er seine These. Er weiß sogar, wie ein Erfolgsrezept für Brandenburg aussehen könnte. „In der Dienstleistung steckt die Zukunft. Für alles, was mit dem eigenen Körper zu tun hat, geben die Leute viel Geld aus. Vor allem, weil sie frustriert sind – entweder weil sie keine Arbeit haben oder weil sie zu viel arbeiten.“ Warum scheitern dann soviele Unternehmen? „Einige wollen an so wenig Leuten wie möglich, so viel wie möglich verdienen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt dann nicht mehr.“ Bei ihm rufen sogar Studios aus dem Westen an und fragen um Rat, denn Kilian ist bis 2012 ausgebucht. So viele Randgruppen gibt es nicht, dass er davon leben könnte. „Jede Schicht, alle Motive. Tätowieren ist gesellschaftsfähig geworden. Es sind keine Freaks mehr, die sich tätowieren lassen.“ Seine älteste Kundin war 73 Jahre alt. Noch eine Erfolgsgeschichte und das in Eisenhüttenstadt.
Vom Sargdeckel bis nach Cottbus
In Neuzelle, einem kleinen Dorf zwischen Eisenhüttenstadt und Cottbus, halten wir, weil uns ein Schild auffällt. „Umwelttechnik“ steht drauf, daneben noch mehrere Werbeschilder, und alle von Uwe Habeck. Einem Installateurmeister. Umwelttechnik wird als Zukunftsbranche gepriesen. Dort soll man noch verdienen können. Seit 20 Jahren ist Habeck selbstständig. Er hatte mal 18 Mitarbeiter, heute arbeitet er wieder als Ein-Mann-Betrieb. Der gemütliche Handwerker sieht die Zukunft von Brandenburg nicht so rosig: „Wenn EKO als größter Arbeitgeber wegfällt, können sie hier den Deckel draufmachen, dann ist die Gegend sowieso tot.“ Mit Deckel meint er den Sargdeckel der Region. Hier scheint sich Handwerk nicht mehr zu lohnen. Er kann zwar davon leben, mehr aber auch nicht. Er schimpft über die Griechenlandhilfe und Korruption. Als wäre Brandenburg eine Bananenrepublik. „Die Ausschreibungen sind von vornherein so angelegt, dass nur eine Firma den Auftrag kriegen kann. Es gibt drei etablierte Firmen, der Rest bleibt auf der Strecke. Entweder gehört man dazu oder nicht.“ Ob er anders reden würde, wenn er dazugehören würde, frage ich mich. „Sie haben als Selbstständiger nur eine einzige Chance, wenn Sie pleite sind, hilft Ihnen keiner.“ Im Gegensatz zu Griechenland. Der Mittelstand müsse besser gefördert werden, und die Dörfer dürfe man nicht vergessen. Er hat resigniert. Über das Wachstumsbeschleunigungsgesetz kann er nur lachen. „Wie soll da was angekommen sein?“ Bei ihm sei nichts angekommen. Er beklagt nicht den Mangel an Arbeit, denn es sei genug da, „nur sie wird nicht gut bezahlt.“ Für ihn hat Handwerk keinen goldenen Boden mehr. Nur eine Branche werde noch boomen: „Touristik“.
Nachdenklich fahren wir weiter. Trotz seiner spürbaren Frustration hat der Installateurmeister nicht aufgegeben. Er arbeitet weiter und will auch nicht weg aus seinem kleinen Dorf, das für ihn anscheinend keine Zukunft mehr hat. Trotzdem baut er dort gerade ein Haus für seine Familie. Vielleicht ist das ein Pfund, mit dem in den offiziellen Hochglanzbroschüren nicht gewuchert wird: dem Gemeinsinn. Passend dazu halten wir in Guben. Hier leuchtet einem das schöne Rot einer Großbäckerei entgegen. Die Marketingchefin produziert gerade einen neuen Katalog mit fröhlichen Kindern. Sie heißt Petra Dreißig und gehört zur Familie. Seit 1911 werden in Guben kleine Brötchen gebacken. Immer im Familienbetrieb. Zwei Weltkriege und die DDR konnten das Familienunternehmen nicht kleinkriegen. Im Gegenteil, es ist gewachsen. Hatte es 1989 15 Mitarbeiter, sind es mittlerweile 825.
Wird ihr in Brandenburg zu viel gejammert? „Gejammert wird doch eigentlich immer, aber wir haben immer noch ein schönes Lächeln auf den Lippen“, antwortet sie selbstbewusst. Aber Jammern und Meckern sei typisch für Brandenburger, das sei in Sachsen anders. Die Abwanderung kann sie nicht verstehen. „Brandenburg ist wunderschön. Warum sollte man weggehen?“ Vielleicht, weil man nicht so erfolgreich ist wie die Familie Dreißig? „Ach, wissen Sie, Sie brauchen Spaß und Liebe zum Beruf. Sie sollten offen und ehrlich durchs Leben gehen. Wenn Sie dann noch Visionen und Ideen haben, dann klappt es auch.“
Hauke Grewe denkt ähnlich. Ihn treffen wir auf unserer letzten Station in Cottbus. Entgegen allen Vorurteilen ein bezauberndes Städtchen, in dem es sich gut leben lässt. Sogar so gut, dass der gebürtige Bremer Grewe den Osten dem Westen vorzieht. Der Schauspieler wollte eigentlich nur zwei Jahre bleiben und hat sich dann in die Stadt verliebt. „Die West-Ost-Problematik wird aufgebauscht. Ich sehe größere Unterscheide im Nord-Süd-Gefälle.“ Er arbeitet viel mit Jugendlichen. „Kultur bringt Menschen dazu, Risiken einzugehen und verleiht Selbstbewusstsein.“ Vielleicht ist das die Lösung für ein großes Wirtschaftswunder in Brandenburg: Kultur. Denn die Menschen, die wir getroffen haben, lieben ihre Region. Sie wollen nicht weg, und manche kommen sogar, um zu bleiben.
Ausgabe Dezember 2011 /
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