Schweigen funktioniert nicht mehr. Das Netz zwingt zu Offenheit
… wenn der Chef sich traut
An der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Karlshorst wird an einer Studie über soziale Medien im Mittelstand gearbeitet. Der zuständige Professor Sven Prüser brachte das Thema bereits im vergangenen Jahr in die IT-Industrie. Da war er noch Chef der Computermesse CeBIT. Wirtschaftswunder-BB sprach mit Prüser über Sinn und Zweck von Twitter, Facebook & Co. im täglichen Geschäft und fragte ihn zunächst nach seinem eigenen Nutzerverhalten.
Prof. Dr. Sven Prüser: Seit 2004 besitze ich ein Profil im Netzwerk XING, damals hieß das noch OpenBC. Als CeBIT-Chef musste ich ab 2006 die neuen Entwicklungen frühzeitig kennen. Im Oktober 2008 habe ich mir deshalb einen Twitter-Account zugelegt, noch vor dem großen Hype. Im vergangenen Jahr kamen Facebook, Linkedin und weitere Netzwerke hinzu.
Wie kann ich als Nicht-Experte die Internetseiten mit ihren kryptischen Namen auseinanderhalten?
Prüser: Das Wichtigste ist, sich von den Begriffen nicht verrückt machen zu lassen. Bislang hatten wir Geschäftskontakte auf Visitenkarten in einem Karteikasten. Dieser Karteikasten ist jetzt im Internet. Der Clou: Jeder pflegt seine eigene elektronische Visitenkarte selbst. Wechselt jemand die Adresse oder seine Firma, findet man ihn trotzdem ohne Probleme. Diese Visitenkartenbox nennt man im Geschäftsleben XING – und es ist eine Internetseite. Für Freunde und Bekannte gibt es ein persönliches Adressbuch im Web – das heißt zum Beispiel Facebook. Neu ist, dass Visitenkartenbox oder Adressbuch im Web eine ganze Menge mehr können. Sie sagen mir zum Beispiel, wen meine Kunden oder Freunde noch so kennen.
Soziale Netzwerke sind also moderne Visitenkartenboxen?
Prüser: Im Kern schon – und sie bieten noch mehr. Der viel diskutierte Kurznachrichtendienst Twitter übernimmt die Funktion des Nachrichtentelegrafen.
Allerdings direkt von Mensch zu Mensch. Jeder kann seine Meinung u. a. zu Firmen und Produkten sagen – und das ohne Filter, weltweit und in Echtzeit. Als CeBIT-Chef habe ich gelernt: Es ist wichtig zu wissen, was andere über mein Geschäft erzählen. Reporter und Redakteure von Tageszeitungen und Fachmagazinen tummeln sich längst bei Twitter. Der Weg zur Schlagzeile ist sehr kurz geworden. Heute bleiben nur wenige Stunden, um richtig zu reagieren. Und das heißt in sozialen Medien in keinem Fall „mauern“.
Wie steigt ein mittelständischer Unternehmer am besten in Twitter & Co. ein?
Prüser: Als Unternehmer sind Sie Spezialist in Ihrem Fach. Ihren Jahresabschluss macht ein Steuerberater und Ihr Auto checkt ein Kfz-Meister durch. So sollten Sie es auch beim Thema soziale Netzwerke halten. Holen Sie sich zunächst Rat von Experten. Der IT-Branchenverband der Region ist immer eine gute Anlaufstelle. Sie werden ihre sozialen Netzwerke selbst pflegen müssen, so wie die Werkstatt Sie auch nicht im Auto chauffiert. Aber wenn es technisch oder strategisch hakt, dann gibt es Hilfestellung vom Profi.
Ausgabe Dezember 2011 /
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