Endlich Kontrollverlust

Internet und neue Kommunikationstechnik zerstören alte Informationskanäle. Zum Glück

Endlich Kontrollverlust

Text: Oliver Wagner

Die Art wie wir Informationen verbreiten, hat sich in den letzten Jahren verändert. Auch wenn es weiterhin Bücher, Zeitungen oder Magazine wie das Wirtschaftswunder Berlin-Brandenburg geben wird – es kommen neue Vertriebsmöglichkeiten dazu. Und über allem schwebt eine Erkenntnis: Unser Wissen, unsere Produkte „gehören“ uns nicht mehr im eigentlichen Sinne. Sie stehen allen zur Verfügung.

Kaum ist im Wirtschaftswunder BB ein interessanter Unternehmensreport oder Artikel erschienen, im Radio ein guter Tipp gegeben, im TV eine Nachricht gesendet, da haben Leser, Hörer und Zuschauer das Ganze schon im Netz zur Verfügung gestellt. Dort werden die Inhalte dann kommentiert, bearbeitet, bewertet und immer weiter verbreitet. Und wir selbst können das nicht kon­trollieren, egal wie sehr wir uns auch darum bemühen sollten.

Wenn dem tatsächlich so ist, dann müssen wir uns den daraus entstehenden neuen Anforderungen an unsere Unternehmenskommunikation stellen. Das gilt für alle Branchen, wenn auch der Journalismus zunächst besonders betroffen scheint. Ob die Unternehmer die neuen Herausforderungen bereits anpacken, wollte das Deutsche Institut für kleine und mittlere Unternehmen (DIKMU) wissen und befragte in Zusammenarbeit mit Siemens IT Solutions and Services bundesweit Buch-, Zeitungs- und Zeitschriftenverlage. Sie können laut DIKMU stellvertretend für den Mittelstand herangezogen werden. Denn, mehr als in jeder anderen Branche wandelten sich dort die Geschäftsmodelle vom traditionellen hin zu multimedialen Informationsanbietern.

Die These, kleine und mittlere Unternehmen täten sich schwerer mit der Adaption neuer Technologien und Kommunikationsformen als die großen, fand das DIKMU dann auch gleich bestätigt. Denn, so fanden die Befrager heraus, je mehr Mitarbeiter ein Unternehmen (hier ein Verlag) hat, desto größer ist die Durchdringung mit und Nutzung von Informationstechnologie. Wobei Nutzung hier mehr als nur die Anschaffung eines Computers bedeutet. Gefragt wurde nach dem IT-Verhalten. Wird die Technologie bei der Veränderung betrieblicher Prozesse genutzt? Gibt es Offenheit oder eher Widerstand gegenüber dem IT-Einsatz? Hat das Unternehmen eine IT-Strategie?

Als größtes Hemmnis der IT-Durchdringung von Verlagen (dies gilt so aber in etwa auch für die meisten anderen Branchen) nennt die Studie das besonders in kleinen Häusern dominierende traditionelle Selbstverständnis. Es stehe eher der schöpferische Prozess im Zentrum der Überlegungen, nicht dessen Verwertung und Verbreitung. Nur knapp 35 Prozent der 313 befragten Verleger gaben an, Informationstechnologie wo immer es geht einzusetzen und sich darum zu bemühen, auf dem neuesten Stand zu sein. Alle anderen Studien-Teilnehmer zeigten vorsichtige bis deut­liche Skepsis gegenüber Sinn und Zweck einer Strategie auf diesem Gebiet.

Und wer jetzt glaubt, es seien vor allem die jüngeren Geschäftsführer, die sich den Herausforderungen der Informationstechnologie stellten, der irrt. 47 Prozent der 40- bis 50-jährigen Manager gaben an, IT wo immer es geh einzusetzen, dagegen waren es in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen gerade mal 4,2, in der der 50- bis 60-Jährigen immerhin noch 31,3 Prozent.

Die Studie zeigt auch auf, warum die Ablehnung gegenüber moderner Kommunikation noch so hoch ist: Know-how-Defizite und Kostenangst. Die DIKMU-Experten empfehlen nun den Branchenverbänden, durch Seminare und Informationsangebote „noch stärker das Bewusstsein für den betrieblichen Nutzen der IT und für eine kompetente Bewertung der Kosten“ zu schärfen und Wissen im Umgang mit IT-Dienstleistern aufzubauen. Den IT-Anbietern gibt das DIKMU Folgendes mit auf den Weg: Sprechen Sie besser als bisher die Sprache Ihrer mittelständischen Kunden. 
Und der Mittelstand selbst? Ein offensives IT-Verhalten, sagt das DIKMU, sei langfristig gerade für kleine und mittlere Unternehmen überlebensnotwendig. Und dazu gehöre im Kern eine IT-Strategie.